Ey Alter….

Auch ich kann mich dem Zahn der Zeit nicht entziehen. Er nagt unerbittlich, gefräßig und gewissenhaft an mir rum. Sein Compagnion: die Schwerkraft, nicht minder unerbittlich in ihrem Werk.

Nicht, dass ich mich für Messer und Spritze entschiede, das gehört nunmal dazu und ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es auch durchaus Vorteile mit sich bringt. Ich könnte so langsam Jungspunte in der Bahn vom Sitz nötigen oder in ostwestfälischen Gaststätten  halbe Portionen der vorwiegend aus viel Flaaasch (hochdeutsch: Fleisch) bestehenden Gerichte ordern.

Nun ließ es sich auch nicht mehr vermeiden, mal über den Erwerb einer Sehhilfe (umgangssprachlich: Brille) nachzudenken. Ich erfreue mich täglich eines Bildschirmarbeitsplatzes und bin zudem noch mit erblich bedingten Sonderheiten gesegnet. So kann ich schon einige Jahre nicht mehr schwindelfrei Rolltreppe (Fahrrampe, Escalator) fahren. Das hat irgentwas mit der Achse der Augen zueinander oder so zu tun.

Als ich dann um Silvester rum bei Richensa zu Besuch war und sie mir vorschlug, diesen schweren Weg gemeinsam zu gehen, habe ich kurzer Hand eingewilligt. Gute Idee.

Beim empfohlenen Brillendealer ging es dann vor der Messung auch erst einmal ans Aussuchen. Die Reihenfolge war schnell festgelegt und so war also erst einmal das Gestell für mich dran.
Was ich mir vorgestellt habe? „Hellblau, so ins silber rein?“
„Nein, das macht ihren Teint blass und außerdem sieht man die geröteten Bereiche …  (sie zeigt auf die Wange) dadurch viel mehr.“
Wieso steht meine von der eisigen Kälte des Ostens der Republik gerötete Wange hier plötzlich zur Diskussion?
„Gedeckte Farben wie dieses Violett (mit hohem Braunanteil) stehen Ihnen viel besser.“ Nach einiger Suche und kategorischem Ausschluss von Gestellen mit nahezu runden Glasfassungen à la Lehrerbrille aus den 80ern fand meine zauberhafte Begleitung dann das Modell für mich: die Strenge der rechteckigen Form wird durch eine leicht geschwungene Linie – fast parallel zur Augenbraue – gebrochen und gibt dem Gesicht eine völlig neues Aussehen. Herrlich. Zu guter Letzt wurden noch die Bügel angepasst und schon wieder wurde ich um eine Erkenntnis bereichert: mein Ohren sitzen verdammt weit vorne. „Na, wo soll´n se denn auch sonst sitzen? ging es mir verwundert durch den Kopf“ Mal sehen, ob das mit den Bügeln überhaupt geht. Was es alles gibt.

Dann kam der Moment der Wahrheit: der Meister himself fing an, auf einem quittungszettelähnlichem winzigen Blatt Papier großen Zahlen aufzusummieren. Und schon stand eine dreistellige Zahl auf dem Zettel, wobei das schöne Gestell noch nicht einmal den Löwenanteil ausmachte. Die eben noch so deutlich erkennbare Röte entschwand sprunghaft von den Wangen und auch sonst hatte ich kurz das Gefühl, die Durchblutung würde gänzlich mein Gesicht verlassen. Alle Versuche, mit einer Charmeoffensive die schreckliche Zahl schmelzen zu lassen, halfen nix. Dafür gab es – vermutlich für den Einsatz der Charmoffensive und die reizende Begleitung an meiner Seite – eine Flasche Hausschampus für die Jahreswende. Und weil ich die Stadt kurz dem nach dem Anbruch des neuen Jahres wieder verlassen musste, wurde der Auftrag vorgezogen und konnte schon am nächsten Werktag in Augenschein genommen werden.

Nun ziert sie meine zarte Gesichtsmitte. Und ich habe wieder voll den Durchblick.

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2 Gedanken zu “Ey Alter….

  1. Diese Probleme habe ich im zarten Alter von 14 Jahren bearbeitet. Ein Tip vom Brillenvogel: „nur eine aufgesetzte Brille geht beim hinsetzen nicht kaputt“.

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